Geschichten rund um Liebe, Familie oder Freundschaft

Die beste Ehefrau der Welt

Beitragvon schreibs » Mo 22 Feb, 2021 22:41


Die beste Ehefrau der Welt


Mein Fuß war auf seine doppelte Größe angeschwollen, ich konnte kaum gehen und hatte seit vier Tagen nicht geschlafen. Unzählige doppelte Espressi hatten mich gänzlich der dunklen Triade ausgeliefert. Die lächerlichsten Lügen schossen mir durchs Bewusstsein um meiner Lage zu entrinnen. Optische Täuschungen und zurückhaltende Wimmeranfälle, die der Rücksichtnahme auf die Bürger der Reihenhausstraße geschuldet waren, vollendeten mein gesellschaftstaugliches Elend. Immerhin herrschte Nachtruhe. "Du bist mir zu ungesund" rief meine Verlobte und trennte sich von mir. Erschöpft sank ich im Schneeregen zu Boden und versuchte dem Dreckswetter mit dem Rauchen einer Zigarette ein wenig zu entrinnen. - Ein uralter Mann kam vorbei, fragte nach einerm Feuerzeug und sagte nach dem Anzünden seiner Zigarette grinsend " es wird kalt in der Nacht". Trotz der Dunkelheit fielen mir seine schmutzigen Zähne auf. Erst später erkannte ich, dass dies vllt. der Teufel gewesen ist. Der Teufel ist ein Gelehrter, der bekanntlich viele Erscheinungen annehmen kann. Er ist aber nicht etwa böse, söndern feinfühlig und zeigt dem Menschen mit Geisteskälte metaphorisch sein Fehlverhalten auf. Ich dachte, dass ich durch eine konzentrierte Halltung die Kälte überbrücken könnte, bis der nächste Bus das entlegene Dorf zum Tagessanbruch durchfahren würde.


Als mir wärmer wurde konnte ich mir nichts dazu denken und beugte mich vornüber-. Da schwoll mein oberster Bauchmuskel zu ungehöriger Größe an. Gleich eines einfühlsamen Stromschocks wölbte er sich und zog sich zurück. Ich staunte nicht schlecht über das Phänomen. Nach nur wenigen Sekunden geschah es wieder. Da merkte ich erst, dass es sich nicht um meinen Bauchmuskel, sondern um mein Herz gehandelt hatte, welches einen Infakt erfuhr. Die Betäubung durch die Kälte fiel gleich einem Samttuch von mir. Ich wurde nervös und hinkte aufs Zentrum der Straße. Ich merkte dass ich sterben würde, wenn ich nichts täte und schleppte mich bis zur 1 km entlegenen Zugstation. Mein Fuß war nicht nutzbar weshalb ich auf den Knien den Straßenasphalt entlang rutschte. Ich redete mir ein dass mich niemand beobachten würde um und erreichte schluchzend und keuchend den Bahnhof. Dort schleppte ich mich in einen Fahrstuhl der so warm war dass man zumindest Gerüche wahrnehmen konnte. Ich wartete auf den nächsten Zug und legte mich dort eingestiegen gekrümmt hin. Meine Beine ragten in einem mir unbekannten Winkel in den Raum. Da mein Herz zu schnell schlug, nutzte ich meine Jacke als Decke. Mannigfaltige optische Täuschungen offerierten sich mir, die sich zur geistigen Verwirrung anboten. Ich lehnte dankend ab, beruhigte mich etwas und schlief ein. Nach 40 Minuten hatte der Zug die Endstation erreicht, so dass ich ein neues fahrendes Bettlein zu rekrutieren suchte. Glücklicherweise wurde ich fündig und schlief ganze 4 Stunden pendelnd zwischen mir unbekannten Städten. Nun hatte ich die Kraft Nachhause zu fahren und erreichte gut durchbluteten Gesichts mein schneeweißes Heimatdörfchen. Meine Mitbewohnerin war zuhause und ich legte mich acht Stunden schlafen. Mit Erstaunen möchte ich mich auch an die Kontrolleure in den Zügen erinnern. Es waren fünf an der Zahl, die mich ohne etwas zu sagen schlafen ließen und auf eine Kontrolle verzichteten. Seitdem sehe ich im Charakter der Zugbegleiter insbesondere mitfühlende Menschen.
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