von Drehrassel » Sa 07 Mär, 2009 15:48
im ersten quartett versprüht das noch einen ähnlichen charme wie etwa gernhardts "materialien zu einer kritik der bekanntesten gedichtform italienischen ursprungs". das ich artikuliert sich vergleichbar hemdsärmelig wie jenes in gernhardts sonett, wenn auch letztenendes nicht ebenso konsequent in seiner wortwahl, seinem duktus. früh verheddert sich das textsubjekt hier in einen vermeintlich schon an sich genügenden humor und aber an seiner nicht immer auf den punkt gebrachten umsetzung. ein guter witz, ruelfig, muss pointiert sein! - in lauf des gedichts wird diese diskrepanz immer offensichtlicher... es zeigt sich eben, dass es nicht genügt, einen ironischen ton anzuschlagen und sich über tradierte gedichtformen, antike autoren und bildungsgüter jeglicher art lustig zu machen; man muss eben auch imstande sein, stringent und ohne geschwafel, das von der eigentlichen pointe nur ablenkt und in sich nicht schlüssig scheint, einen text versiert und sprachlich sowohl kunstfertig als aber auch konzis zu gestalten. darin liegt ja zum beispiel gerade die literarisch-humorige leistung gernhardts in seinem anti-sonett: in der spannung, welche sich ergibt aus dem dumpfbackig-echauffierten tonfall des artikulierten ich einerseits und aber dem tatsächlich sowohl technisch-handwerklich als auch inhaltlich pointierten gesamtgefüge. man vergleiche nur mal, mit welchem geschick, gernhardt es in "materialien..." schafft, den einmal etablierten "endecasillabo" (den jambischen fünfheber, mit abwechselnd weiblichen und männlichen kadenzen - außer im schlusscouplet), nicht nur durchzuhalten, sondern ihn gerade auszustatten mit wesentlich effektvolleren enjambements als du das hier tust, ruelfig. zwar nimmst du dir bei der gestaltung deiner verse alle freiheiten; leider führt das aber gar nicht zu einem surplus an literarizität. / man kann alle deine anspielungen nachvollziehen. man ahnt, worauf du hinaus wolltest. aber selbst das schmunzeln, welches man anfangs noch haben mag... ermüdet doch sehr bald. / weißt du? selbst das noch so salopp dahin geschnodderte wort kann nicht darüber hinweg täuschen, dass du dir unheimlich einen abgefuddelt haben musst bei der fertigung mancher verse und dem finden mancher reime. die syntaktische gliederung des gedichts ist einfach stinkelangweilig. obwohl es doch inhaltlich tiefer und mehrschichtiger sein will als zum beispiel gernhardts "materialien". / hättest du nur lieber das artikulierte ich noch mehr und noch dumpfbackiger fluchen lassen, oder meckern oder doofes zeug brabbeln... irgendwie... aber dafür elegantere verse geschaffen, einen besseren spannungsbogen, mehr "selbstverständlichkeit" und innere fügung in den reimen. -
meine meinung, sonst nichts,
drehrassel
edit: ah... was ich wirklich lustig fand, war, dass in zeile 11 der metrische akzent in homer auf der ersten silbe liegt, was zur folge hat, dass man da an eine ganz andere figur gleichen namens denken muss. /
dreimal selig, wer einen namen einführt ins lied!
- ossip mandelstam